Altlast O77: Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf

Beim Altstandort „Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf“ handelt es sich um einen Standort, auf dem seit Mitte der 70-er Jahre Altreifen und Altgummi gelagert werden. Auf einer Fläche von rund 30.000 m² lagern derzeit ca. 176.000 m³ Altreifen und Altgummi. Bei zwei Lagern besteht aufgrund der Art der gelagerten Materialien sowie der Größe und Geometrie das Risiko einer Selbstentzündung.

Es ist davon auszugehen, dass im Bereich der beiden Lager mittel- bis langfristig (innerhalb der nächsten 20 Jahre) ein Schwelbrand entstehen wird. Dabei würden erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt durch Verunreinigung der Luft und insbesondere des Grundwassers durch austretende Pyrolyseöle entstehen.

Der Altstandort stellt eine erhebliche Gefahr für die Umwelt dar. Es wird die Einstufung in die Prioritätenklasse 2 vorgeschlagen.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Gmunden,
Ohlsdorf,
Ohlsdorf,
532/8, 1621, 1623, 1625, 1626, 1628
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: Verarbeitung von Gummi
Ergebnis Beurteilung: erhebliche Kontamination
Fläche Altlast (m²): 36.000 m²
Volumen Altlast (m³): 173.000 m³
Schadstoff(e) Teeröl (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 15.04.2011
Datum der Prioritätenfestlegung: 15.04.2011
Priorität: 2
Status Maßnahme: in Durchführung
Art der Maßnahme: Dekontamination
Sanierungsverfahren (Gruppe): Räumung
Datum Aktualisierung Altlastenatlas: 15.07.2020

BESCHREIBUNG DER STANDORTVERHÄLTNISSE

Betriebliche Anlagen und Tätigkeiten

Der Altstandort „Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf“ befindet sich rund 1,5 km ostsüdöstlich von Ohlsdorf im Ortsteil Unterthalheim, unmittelbar östlich fließt die Traun.

Am Gelände des Altstandortes wurden seit etwa Mitte der 70-iger Jahre des vorigen Jahrhunderts Altreifen und Altgummiabfälle gelagert. Die Aufbereitungs- und Verwertungsmenge lag weit unter der angelieferten Menge der Abfälle, im Jahr 1989 waren rund 95.000 to Altreifen und Altgummi zwischengelagert. 1991 wurden die bis dahin offenen fertig geschütteten Ablagerungsbereiche abgedeckt. 1998 erfolgte eine Umlagerung von Altreifen und Altgummi aus dem westlichen Teil auf das Lager Bienenhütte sowie auf das sogenannte Zwischenlager 4.

Im Februar 2000 kam es im Zwischenlager 4 nach schweren Regenfällen und einer Böschungsrutschung zu einem Brandereignis. Durch rasch beginnende Löscharbeiten konnte der Gasbrand an der Oberfläche innerhalb kurzer Zeit gelöscht werden. Zur Beobachtung der Temperatur der Ablagerungen sowie der Gaszusammensetzung wurden anschließend Messsonden errichtet und der Lagerkörper durch mehrere Monate langes Einbringen von Kohlendioxid und flüssigem Stickstoffe gekühlt und stabilisiert. Im Juli 2000 kam es bei der Suche nach dem Brandherd durch Grabungsarbeiten zu einem neuerlichen Brand, der ebenfalls rasch gelöscht werden konnte. Nach neuerlichem Kühlen des Ablagerungskörpers wurde im Zeitraum von Oktober 2000 bis Februar 2001 das Zwischenlager 4 komplett geräumt, insgesamt wurden rund 48.000 t Altreifen und Altgummi ausgehoben. Im Zuge der Räumung wurde der Brandherd aufgefunden, die Ausdehnung betrug rund 300 m³.

Die Oberfläche sowie die freien Böschungen der beiden Lager „Altes Reifenlager“ und „Lager Bienenhütte“ sind mit einer Dichtschicht aus Lehm und Schotter abgedeckt, die Mächtigkeit beträgt im Bereich des Alten Reifenlagers rund 0,5 m, im Bereich des Lagers Bienenhütte rund 1 m. An der Sohle des Lagers „Lager Bienenhütte“ wurde vor der Umlagerung von Altreifen und Altgummi auf dieses Lager eine rund 0,5 m mächtige Lehmschicht als Abdichtung aufgebracht, beim Alten Reifenlager ist keine Basisdichtung vorhanden.

Insgesamt befinden sich nach Räumung des Zwischenlagers 4 etwa folgende Ablagerungsmengen am Altstandort:

    Altreifen und Altgummi Abdeckmaterial
  Fläche Schütthöhe [m] Volumen Masse Schütthöhe [m] Volumen Masse
  [m²] max [m³] [to] mittel [m³] [to]
               
Altes Reifenlager - Nord 6.500 12 -15 83.000 59.000 rd. 0,5 10.000 18.000
Altes Reifenlager - Süd 5.300 3 12.000
lokale Ablagerungen 8.000 - 3.000 - - -
Lager Bienenhütte 10.000 16 - 17 78.000 47.000 rd. 1 12.400 22.000
gesamt     176.000 106.000   22.400 40.000

Südwestlich des Alten Reifenlagers ist anzunehmen, dass auf einer Fläche von rund 8.000 m² vereinzelt noch kleinräumige Reifenablagerungen vorhanden sind, in Summe wurden diese mit rund 3.000 m³ abgeschätzt.

Untergrundverhältnisse

Der Altstandort befindet sich im Bereich der Niederterrasse, der Untergrundaufbau wird von quartären Sedimenten in der Nähe der Traun (ca. 100 m östlich) geprägt. Die Mächtigkeit der anstehenden sandigen Kiese nimmt von West nach Ost, zur Traun hin zu und betrug vor Beginn der Auskiesung am Standort bis zu rund 17 m. Im Nahbereich der Traun sind die anstehenden Kiese zum Teil stark konglomeriert. Unterhalb der Kiese steht Flysch (Rhenodanubischer Flysch) an, dieser stellt den Grundwasserstauer dar. In Richtung Norden taucht der Flyschrücken steil nach oben bis zur Geländeoberfläche. Im Bereich der beiden Reifenlager wurde vollständig ausgekiest, größtenteils bildet der anstehende Flysch die Ablagerungsbasis.

Die Kiese der Niederterrasse stellen den Grundwasserleiter dar. Das Grundwasser strömt im Bereich unmittelbar südlich des Altstandortes generell etwa Richtung Nord parallell zur Traun als Grundwasserbegleitstrom, die Grundwassermächtigkeit beträgt rund 15 bis 20 m. Im Bereich der beiden Reifenlager geht die Mächtigkeit des Grundwassers aufgrund des Auftauchens des Stauers gegen Null, die Grundwasserströmungsrichtung schwenkt dadurch Richtung Nordost zur Traun hin.

Die Durchlässigkeit (kf-Wert) des Grundwasserleiters beträgt ca. 5x10-3 bis 1x10-2 m/s. Der Grundwasser-

spiegel liegt rund 20 bis 30 m unter Gelände, im ausgekiesten Bereich beträgt der Flurabstand rund 1 bis 3 m. Das Grundwasserspiegelgefälle im Bereich des Altstandortes beträgt ca. 0,2 %. Der spezifische Grundwasserdurchfluss im Traunbegleitstrom kann mit rund 15 bis 20 m³/d,m abgeschätzt werden. Die beiden Reifenlager befinden sich am Rand des Traunbegleitstromes, in diesem Bereich ist der spezifische Durchfluss gering und es können entlang des ansteigenden Flyschrückens Hang- bzw. Sickerwässer aus dem Bereich der Lager einspeisen.

Schutzgüter und Nutzungen

Im unmittelbaren Umfeld des Altstandortes befinden sich westlich und nördlich landwirtschaftlich genutzte Flächen und rund 400 m westlich die Ortschaft Unterthalham. Südlich angrenzend befinden sich betrieblich genutzt Flächen (Schotteraufbereitung und Bauschuttdeponie), östlich angrenzend fließt die Traun.

Das Grundwasser im Abstrom des Altstandortes wird nicht genutzt.

 

UNTERSUCHUNGEN

Nach einem Brandereignis im Zwischenlager 4 sowie während nachfolgender Aushubarbeiten wurden umfangreiche Untersuchungen von Gasen sowie untergeordnet von Feststoffproben durchgeführt. Im Lager Bienenhütte wurden ebenfalls Kontrollsonden errichtet und Gasmessungen durchgeführt.

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Zustand der Lager, Reaktionspotenzial und Brandrisiko

Am Altstandort „Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf“ wurden seit etwa Mitte der 70-iger Jahre des vorigen Jahrhunderts Altreifen und Altgummiabfälle abgelagert. Im Jahr 1998 erfolgten Umlagerungen auf das sogenannte Zwischenlager 4 und das „Lager Bienenhütte“. Das Zwischenlager 4 wurde im Jahr 2000/2001 vollständig geräumt, aktuell sind noch rund 11.000 t aus dem geräumten Zwischenlager 4 im Bereich des „Alten Reifenlagers“ zwischengelagert und sollen demnächst weiterverarbeitet werden.

Insgesamt lagern in den beiden Bereichen „Lager Bienenhütte“ und „Altes Reifenlager“ aktuell rund 176.000 m³ (rund 106.000 t) Altreifen und Altgummi. Die Lagerungshöhen der beiden Lager betragen bis zu 17 m. Jedes der beiden Lager ist mit einer Dichtschicht aus Lehm und Schotter abgedeckt. Die Mächtigkeit der Abdeckung beträgt beim Alten Reifenlager rund 0,5 m und beim Lager Bienenhütte rund 1 m. Beim Lager Bienenhütte ist an der Sohle eine Dichtschicht aus 0,5 m Lehm vorhanden, beim „Alten Reifenlager“ ist keine Basisdichtung vorhanden.

Aufgrund der Art der gelagerten Materialien und der Größe (insbesondere der Lagerungshöhen) ist bei beiden Lagern eine potenzielle Gefahr der Selbstentzündung vorhanden.

Szenarien der Brandentstehung und -entwicklung

Für den Altstandort „Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf“ sind auf Basis aller Randbedingungen unterschiedliche Szenarien betreffend Brandentwicklung und ihrer Umweltauswirkungen möglich. Insbesondere hinsichtlich des Ausmaßes eines Brandes und der damit verbundenen Umweltauswirkungen sind der Entdeckungszeitpunkt des Brandes und der Zeitpunkt bis zum Beginn von Brandbekämpfungsmaßnahmen von großer Bedeutung. Zu unterscheiden ist grundsätzlich zwischen dem verdeckten Schwelbrand und einem offenen Brand an der Oberfläche.

Zusammenfassung der Risikobeurteilung

Zusammenfassend zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass aufgrund der Art der abgelagerten Materialien sowie der Lagergeometrie in beiden Lagern („Lager Bienenhütte“ und „Altes Reifenlager“) Selbsterwärmungsprozesse wahrscheinlich sind. Es ist davon auszugehen, dass im Bereich der Lager mittel- bis langfristig (innerhalb der nächsten 20 Jahre) ein Schwelbrand entstehen wird. Dabei würden erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt durch Verunreinigung der Luft und insbesondere des Grundwassers durch austretende Pyrolyseöle entstehen. Der Altstandort stellt daher eine erhebliche Gefahr für die Umwelt dar.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist das Grundwasser. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden:

Schadstoffpotenzial: hoch

Im Bereich des Altstandortes sind in zwei Lagern insgesamt rund 173.000 m³ Altreifen und Altgummi auf einer Fläche von rund 22.000 m² abgelagert. Aufgrund Art und Form der Ablagerungen sind Selbstentzündungsprozesse begünstigt und es ist die Entstehung eines Schwelbrandes mittel- bis langfristig zu erwarten. Rund 3.000 m³ im Bereich des „Alten Reifenlagers“ sind in einer Form abgelagert, die keine relevante Selbsterwärmung zulässt.

Bei einem Schwelbrand entstehen Pyrolyseöle, die sowohl als Phase und auch in Bezug auf die Löslichkeit und Persistenz enthaltener Schadstoffe zu weiterreichenden Verunreinigungen des Grundwassers führen können. In Pyrolyseölen sind große Mengen an aliphatischen Kohlenwasserstoffen, aromatischen Kohlenwasserstoffen (BTEX) sowie polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und untergeordnet auch polychlorierte Dibenzodioxine (PCDD) und polychlorierte Dibenzofurane (PCDF) enthalten. Die Menge an Pyrolyseölen bei einem Schwelbrand kann mit rund 2 bis 3 Mio Liter abgeschätzt werden. Für maßgebliche Schadstoffe bzw. entsprechende Summenparameter (KW, PAK, BTEX) ergibt sich insgesamt ein äußerst großes Schadstoffpotenzial.

Schadstoffausbreitung: weitreichend

Bei beiden Lagern gibt es keine geeigneten technischen oder natürlichen Barrieren, die einen Austrag von Pyrolyseölen in das Grundwasser verhindern. Auf Basis der Menge der entstehenden Pyrolyseöle (2.000 bis 3.000 m³) ist unter den gegebenen hydrogeologischen Verhältnissen zu erwarten, dass sich eine aufschwimmende Ölphase mit einer Länge von rund 200 bis 400 m bis zur Traun hin ausbildet. Entsprechend den Eigenschaften der Pyrolyseöle und des Lösungsverhaltens der darin enthaltenen Schadstoffe ist davon auszugehen, dass sich im Bereich der Schadstoffphase auch eine Fahne an gelösten Schadstoffen bis zur Traun hin ausbildet. Die im Grundwasser gelöste Fracht an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen kann mit rund 17 g/d abgeschätzt werden und ist als sehr groß zu bewerten. Auch für aromatische und aliphatische Kohlenwasserstoffe ergeben sich große Schadstofffrachten. Der sehr großen Schadstofffracht und der langen Schadstofffahne entsprechend ist die Schadstoffausbreitung insgesamt als weitreichend zu beurteilen.

Schutzgut: nutzbar

Das Grundwasser im Abstrom der beiden Lager „Altes Reifenlager“ und „Lager Bienenhütte“ ist grundsätzlich quantitativ gut nutzbar. Im Grundwasserabstrom sind keine Nutzungen vorhanden und auch zukünftig nicht zu erwarten.

Prioritätenklasse – Vorschlag: (2)

Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der Gefährdungsabschätzung und den im Altlastensanierungsgesetz § 14 festgelegten Kriterien schlägt das Umweltbundesamt die Einstufung des Altstandortes „Altreifen- und Altgummilager Ohlsdorf“ in die Prioritätenklasse 2 vor.

 

Datum der Texterstellung:  Oktober 2010