Altlast O72: Putzerei Wurm

Am Standort der „Putzerei Wurm“ besteht eine massive Belastung des Untergrundes durch Tetrachlorethen. Der kontaminierte Bereich kann mit einer Größe von bis zu 400 m² abgeschätzt werden. Unmittelbar im Abstrom des Altstandortes ist eine hohe Belastung des Grundwassers mit Tetrachlorethen feststellbar. Die Schadstofffahne reichte bis in das Schutzgebiet des Wasserwerkes Linzerberg.

Aktuell ist die Schadstofffahne etwa 400 m lang und wird durch einen Sperrbrunnen, der seit dem Frühjahr 2002 zur Sicherung des Wasserwerkes Linzerberg betrieben wird, gefasst. Es wird vorgeschlagen, die „Putzerei Wurm“ in Prioritätenklasse 1 einzustufen.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Urfahr-Umgebung,
Gallneukirchen,
Gallneukirchen,
104/1, 105/4
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: chemische Reinigung
Ergebnis Beurteilung: erhebliche Kontamination,
erhebliches Risiko Grundwasser
Fläche Altlast (m²): 380 m²
Schadstoff(e) Organische Lösungsmittel (leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 01.11.2006
Datum der Prioritätenfestlegung: 01.11.2006
Priorität: 1
Status Maßnahme: in Durchführung
Art der Maßnahme: Dekontamination
Sanierungsverfahren (Gruppe): Räumung
Datum Aktualisierung Altlastenatlas: 15.02.2019

BESCHREIBUNG DES ALTSTANDORTES

Die „Putzerei Wurm“ befindet sich im Zentrum von Gallneukirchen an der Bundesstraße 125 („Prager Straße“) unmittelbar nördlich der Brücke über die Große Gusen.

Im Zeitraum von 1968 bis 1982 wurde eine Wäscherei und Putzerei betrieben. Als Mittel zur chemischen Reinigung wurde Tetrachlorethen (Perchlorethylen) eingesetzt. Das Geschäftslokal der Putzerei war etwa 35 m² groß und nicht unterkellert. Im Hinterhof des Hauses bestand ein Seifenabscheider. Im Zuge der Erkundung wurde im Jahr 2005 der mit Abwasser, Bauschutt und lösungsmittelhaltigem Schlamm gefüllte Seifenabscheider entleert. Dabei wurden mehr als 7 t Abfall (lösungsmittelhaltiger Schlamm) beseitigt.

Beschreibung der Untergrundverhältnisse

Der Altstandort befindet sich im Bereich des Gallneukirchner Beckens am Südrand des Kristallins der Böhmischen Masse. Es handelt sich um ein Senkungsbecken, das im Tertiär mit feinkörnigen marinen und fluviatilen Sedimenten verfüllt wurde. Das Festgestein kann von unterschiedlichen Schichtfolgen (Pielacher Tegel, Linzer Sande, Schlier) überlagert sein. In den Linzer Sanden ist der erste Grundwasserhorizont ausgebildet. Als Grundwasserstauer treten in lokal stark unterschiedlichen Tiefen (bis zu 60 m) Pielacher Tegel auf. Entlang der Großen Gusen werden die Linzer Sande durch bis zu 3 m mächtige schluffig-tonige Deckschichten überlagert.

Das Gelände des Altstandortes befindet sich in am unteren Ende eines in Richtung Norden ansteigenden Hanges auf etwa 328 m ü.A. Die anstehenden Linzer Sande sind gering mächtig. Bereits in rund 4 m Tiefe steht der Grundwasserstauer (Pielacher Tegel) an. Zum Teil bestehen oberflächennah Überlagerungen mit gering durchlässigen Deckschichten (bis max. 2 m) oder anthropogenen Auffüllungen.

In den sandigen Kiesen ist ein Hanggrundwasserleiter ausgebildet. Die Mächtigkeit des Grundwassers beträgt etwa 2,5 m. Der Grundwasserspiegel befindet sich etwa zwischen 326 bis 327 m ü.A. Zum Teil kann unter gering durchlässigen Deckschichten lokal auch gespanntes Grundwasser auftreten. Die Strömungsrichtung des Grundwassers ist generell nach Südwesten gerichtet. Der Durchlässigkeitsbeiwert des Grundwasserleiters im Bereich des Altstandortes kann mit einer Größenordnung von 10-5 bis 10-6 m/s abgeschätzt werden Das Gefälle des Grundwasserspiegels ist mit rund 2,5 % hoch.

Unmittelbar südlich des Altstandortes ist zu beobachten, dass in geringem Umfang Wasser aus der Großen Gusen in das Grundwasser infiltriert. In weiterer Folge wird das Grundwasser in Strömungsrichtung zunehmend mächtiger (bis zu 30 m). Die Oberkante des relativen Grundwasserstauers sinkt bis auf 60 m Tiefe ab.

Das Gefälle des Grundwasserspiegels zeigt im Verlauf der Strömungsrichtung auch markante Wechsel (bis zu max. 8 % bzw. min. 0,5 %). Im zentralen Bereich des Gallneukirchner Beckens etwa 200 bis 300 m vom Altstandort entfernt befindet sich das Grundwasser etwa 10 bis 15 m unter Gelände. Der Durchlässigkeitsbeiwert des Grundwasserleiters beträgt in diesen Bereichen ca. 5 x 10-4 m/s.

In einer Entfernung von rund 400 m vom Altstandort werden die Strömungsverhältnisse des Grundwassers durch dauerhafte Grundwasserentnahmen beeinflusst.

Beschreibung der Schutzgüter und Nutzungen

Die unmittelbare und weitere Umgebung des Altstandortes ist der Lage im Ortszentrum von Gallneukirchen entsprechend von dichter Bebauung (Wohn- und Geschäftsgebiet) geprägt. Die Große Gusen ist etwa 40 m entfernt. Bei Auflassung des gegenständlichen Betriebsstandortes im Jahr 1982 wurde rund 250 m nordwestlich der neue Standort der Putzerei eröffnet.

Der Altstandort „Putzerei Wurm“ befindet sich im Einzugsbereich der Schutzgebiete für die zur Trinkwasserversorgung genutzten Brunnen Linzerberg und Klaus. Die beiden Brunnen haben einen wasserrechtlichen Konsens  zur Entnahme von insgesamt 28 l/s (Brunnen Linzerberg 15 l/s). Im Jahr 2001 wurden im Bereich des Schutzgebiets der Brunnenanlage Linzerberg Verunreinigungen des Grundwassers durch aromatische Kohlenwasserstoffe (vorwiegend Benzol), MTBE und leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe (vorwiegend Tetrachorethen) festgestellt. In weiterer Folge wurden zum Schutz der Brunnenanlage 2 Sperrbrunnen errichtet. Die Sperrbrunnen werden seit April 2002 mit einer Entnahme von jeweils 2 l/s betrieben. Die bestehenden Grundwasserverunreinigungen werden durch diese Maßnahmen vollständig erfasst, so dass auch die Qualität des zu Trinkwasserzwecken entnommenen Grundwassers wieder gewährleistet werden kann.

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Am Altstandort „Putzerei Wurm“ wurde rund 15 Jahre lang Tetrachlorethen als Reinigungsmittel eingesetzt. Durch Manipulationsverluste und unzureichende Schutzvorkehrungen beim Betrieb der Reinigungsmaschinen konnte Tetrachlorethen in den Untergrund gelangen.

Die Ergebnisse der Untersuchung von Bodenluft-, Feststoff- und Grundwasserproben im unmittelbaren Bereich des Altstandortes zeigen, dass eine massive Verunreinigung des Untergrundes durch Tetrachlorethen gegeben ist. Als Hauptschadensherd konnte der Standort des ehemaligen Seifenabscheiders identifiziert werden. Die Feststoffproben aus der wasserungesättigten und der wassergesättigten Bodenzone zeigten sehr hohe Tetrachlorethengehalte von bis zu 64 mg/kg TM (Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft – Prüfwert 1 mg/kg TM). Gleichzeitig zeigen die Grundwasserproben aus einer Sonde nahe des Seifenabscheiders massive CKW- bzw. Tetrachlorethenbelastungen, die den Maßnahmenschwellenwert (10 µg/l) um mehr als 3 Zehnerpotenzen überschreiten. Die Ergebnisse der Bodenluftuntersuchungen sind auf Grund der Standortverhältnisse (feinkörnige, gering durchlässige Sedimente) nur sehr  eingeschränkt repräsentativ, ermöglichen jedoch eine grobe Abschätzung der Größe des Schadensherdes mit rund 400 m². Die CKW-Verunreinigungen reichen jedenfalls bis in die wassergesättigte Bodenzone (ca. 1,5 m unter Gelände) und wahrscheinlich bis in den relativ seicht anstehenden Grundwasserstauer in rund 4 m Tiefe.

Die Ergebnisse von Grundwasseruntersuchungen zeigen, dass es durch den Altstandort zu einem Eintrag von CKW bzw. insbesondere Tetrachlorethen ins Grundwasser kommt. Im Einzugsgebiet der Trinkwasserversorgungsanlage Linzerberg ist für Tetrachlorethen ein Prüfwert von 6 µg/l sowie ein Maßnahmenschwellenwert von 10 µg/l maßgeblich. Im Grundwasseranstrom der „Putzerei Wurm“ ist keine relevante CKW- bzw. Tetrachlorethenbelastung gegeben. Im Vergleich dazu wurden im nahen Grundwasserabstrom der „Putzerei Wurm“ deutlich erhöhte Gehalte für Tetrachlorethen (bis zu 70 µg/l) und sehr hohe Gehalte für cis-1,2-Dichlorethen (bis zu 1.500 µg/l), ein Abbauprodukt von Tetrachlorethen, nachgewiesen. Auf Grund der Ergebnisse der 24-stündigen Pumpversuche im Jahr 2004 sowie im Vergleich mit den Ergebnissen der Grundwasserbeweissicherung für die Sperrbrunnen zur Sicherung des Wasserwerkes Linzerberg ist davon auszugehen, dass im nahen Abstrom des Altstandortes bei Tetrachlorethen eine Fracht in der Größenordnung von 5 g/d gegeben ist. Die Schadstofffahne war im unbeeinflussten Zustand vor Inbetriebnahme der Sperrbrunnen mehr als 500 m lang. Aktuell wird die Schadstofffahne nach rund 400 m durch den Sperrbrunnen 2 gefasst.

Die Schadstofffahne reicht bis in das Schutzgebiet des Wasserwerkes Linzerberg. Die Ergebnisse der Grundwasserbeweissicherung zeigen außerdem für das im Zeitraum 2002 bis 2005 über den Sperrbrunnen 2 abgepumpte Grundwasser einen kontinuierlich ansteigenden Trend der Belastung durch Tetrachlorethen. Auf Grund dieser Beobachtung muss davon ausgegangen werden, dass die Schadstofffahne sich aktuell noch in Ausbreitung befindet.

Der Altstandort „Putzerei Wurm“ verursacht eine weitreichende Verunreinigung des Grundwassers durch CKW bzw. Tetrachlorethen und stellt eine anhaltende Gefahr für eine Trinkwasserversorgungsanlage dar.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist das Grundwasser. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden.

Schadstoffpotenzial: hoch

Auf einer Fläche von mehr als 400 m² sind Verunreinigungen des Untergrundes durch CKW (Tetrachlorethen) gegeben. CKW‘s ist auf Grund der stofflichen Eigenschaften grundsätzlich ein sehr hohes Gefährdungspotenzial für das Grundwasser zuzuordnen. Auf Grund der Größe, der Intensität und der festgestellten Verteilung der Ver­un­reinigungen ist mit einem erhöhten Schadstoffaustrag zu rechnen. Dementsprechend ist auch das Schadstoffpotenzial insgesamt als hoch zu bewerten.

Schadstoffausbreitung: weitreichend

Die Länge der vom Altstandort ausgehenden Schadstofffahne kann in unbeeinflusstem Zustand mit mehr als 500 m abgeschätzt werden. Das Grundwasser zeigt zum Teil sehr hohe CKW-Belastungen. Die Transmissivität des Grundwasserleiters und die Ergiebigkeit des Grundwassers im Bereich des Altstandortes sind gering. Auf Grund der hohen CKW-Belastung ist die Schadstofffracht im Abstrom des Altstandortes jedoch als erheblich zu bewerten. Ein relevanter mikrobieller Abbau der Belastungen findet nur unmittelbar im Bereich des Schadenszentrums statt. Es ist auch langfristig mit keiner Veränderung bzw. Verminderung der Schadstoffemissionen im Grundwasser zu rechnen. Die Schadstofffahne ist aktuell auch noch im Stadium der Ausbreitung. Der relativ geringen Schadstofffracht und der langen Schadstofffahne entsprechend ist die Schadstoffausbreitung insgesamt als ausgedehnt zu bewerten.

Schutzgut: hochwertig

Der Altstandort befindet sich im Einzugsbereich der Trinkwasserversorgungsanlage Linzerberg. Seit dem Jahr 2002 wird das Wasserwerk durch den Betrieb von Sperrbrunnen geschützt. Der möglichen Entnahmemenge bzw. dem aufrechten wasserrechtlichen Konsens entsprechend wäre eine Versorgung von rund 6.500 Personen möglich.

Prioritätenklasse

Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der Gefährdungsabschätzung und den im Altlastensanierungsgesetz § 14 festgelegten Kriterien schlägt das Umweltbundesamt die Einstufung des Altstandortes „Putzerei Wurm" in die Prioritätenklasse 1 vor.

 

Datum der Texterstellung: Juni 2006