Altlast N69: Stolllack

Auf dem Altstandort "Stolllack" werden seit den 1950er-Jahren Lacke produziert und dabei unterschiedlichste organische Lösungsmittel eingesetzt bzw. gelagert.

Im Bereich des Altstandortes ist in zwei Bereichen ("Hot Spots") die wasserungesättigte und die wassergesättigte Untergrundzone erheblich durch aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe kontaminiert (6.000 m³ bzw. 5.000 m³). Ausgehend von den Untergrundverunreinigungen ist eine Ausbreitung der Schadstoffe im Grundwasser festzustellen.

Die Ausbreitung beschränkt sich jedoch auf die unmittelbare Umgebung der Hot Spots bzw. den nahen Grundwasserabstrom des Altstandortes. Aufgrund der lokalen Grundwasserverhältnisse sind die im Grundwasser transportierten Schadstofffrachten gering und es ist auch langfristig mit keiner weitergehenden Ausbreitung der Schadstoffe zu rechnen. Das Grundwasser im Bereich des Altstandortes ist gering ergiebig. Im weiteren Grundwasserabstrom vorhandene Nutzwasserbrunnen sind von der Grundwasserverunreinigung nicht betroffen.

Der Altstandort "Stolllack" stellt eine erhebliche Gefahr für die Umwelt dar. Es wird die Einstufung in die Prioritätenklasse 3 vorgeschlagen.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Mödling,
Guntramsdorf,
Guntramsdorf,
171/1
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: Farben- und Lackindustrie
Ergebnis Beurteilung: erhebliche Kontamination
Fläche Altlast (m²): 63.000 m²
Volumen Altlast (m³): 11.000 m³
Schadstoff(e) Organische Lösungsmittel (leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe, aromatische Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 01.11.2012
Datum der Prioritätenfestlegung: 01.11.2012
Priorität: 3
Status Maßnahme: in Durchführung
Art der Maßnahme: Sicherung
Sanierungsverfahren (Gruppe): Hydraulische Maßnahmen

BESCHREIBUNG DER STANDORTVERHÄLTNISSE

Betriebliche Anlagen und Tätigkeiten

Auf dem Altstandort „Stolllack“ wurde im Zeitraum von etwa 1850 bis 1910 ein Ziegelwerk betrieben. Auf dem derzeitigen Betriebsgelände befand sich auch eine Lehmgrube für das Ziegelrohmaterial, die später geflutet wurde („Ziegelteich“).

Nach dem 1. Weltkrieg wurden auf dem Standort petroleumbetriebene Heiz- und Kochgeräte hergestellt („Kronprinz Werke“). Auf dem Betriebsgelände befand sich auch eine Abfüllstation zur Abgabe von Petroleum in Kleingebinde (Kannen). Im Jahr 1945 wurde das Werk bombardiert und schwer beschädigt.

Seit 1957 bis zum heutigen Tag wurden auf dem Altstandort Lacke produziert („Peter Stoll Lackfabrik Guntramsdorf“, später „Stolllack AG“ sowie im Anschluss daran mehrere lackproduzierende Nachfolgeunternehmen). Bis Anfang der 1960er-Jahre wurden zu diesem Zweck auf dem Standort mehrere neue Gebäude und Produktionsanlagen errichtet. Eine nächste Betriebserweiterungswelle erfolgte im Zeitraum von 1967 bis 1975. In diesem Zuge wurde auch von 1969 bis 1972 der noch vorhandene „Ziegelteich“ mit „Wandschotter“ verfüllt und im Jahr 1975 mit dem „Objekt 23“ bebaut. Damit war im Wesentlichen der noch heute existierende Gebäudestand erreicht.

Seit 1983 werden die Fäkal- und Chemieabwässer des Standortes getrennt erfasst. Erstere werden der Kläranlage Guntramsdorf zugeführt, letztere gesammelt und entsorgt. Die Oberflächen- und Kühlwässer werden in den Wiener Neustädter Kanal eingeleitet. Seit 1984 existiert auf dem Standort eine Lösemittelrückgewinnungsanlage. Die verbleibenden Lackschlämme werden seit diesem Zeitpunkt über die Sonderabfallverbrennungsanlage in Simmering entsorgt.

Ab dem Jahr 1989 wurde der Tankwagenabfüllplatz (östlich Objekt 13) und andere Lagerflächen ertüchtigt sowie die z. T. noch vorhandenen einwandigen durch zweiwandige Tanks ersetzt.

Die hergestellten Beschichtungsstoffe (Lacke) bestehen in der Regel aus folgenden Komponenten:

  • Bindemittel: Kunstharze wie z. B. Acrylharze, Polyester, o. ä.
  • Pigmente: unlösliche anorganische (z. B. Blei-, Titan-, Eisen- oder Chromverbindungen) oder organische pulverförmige Feststoffe
  • Füllstoffe: z. B. Kaolin, Schwerspat, Calciumcarbonat, Aluminium- und Magnesiumsilikate
  • Lösemittel: z. B. aromatische, aliphatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe, Alkohole, Ketone, Ether
  • Zusatzstoffe: Trockenstoffe (Metallsalze, Salze synthetischer Säuren), Fungizide und Bakterizide (v.a. bei Dispersionsfarben), Verlaufmittel (z. B. Silikone) etc.

Die Lackproduktion ist grundsätzlich ein reiner Misch- und Dispergierprozess oben aufgelisteter Komponenten. Beim ersten Schritt des Produktionsprozesses, dem "Ansetzen und Vordispergieren des Mahlgutes", wird ein Teil des Bindemittels mit Lösemittel und anderen Zusatzstoffen vermischt und die pulverförmigen Komponenten, wie Pigmente und Füllstoffe zugefügt. Durch schnelllaufende "Dissolver" werden die Pigmentagglomerate zerschlagen und die Pigmente und Füllstoffe mit der Bindemittellösung benetzt. Bei der anschließenden "Hauptdispergierung" wird mit kontinuierlich arbeitenden Rührwerksmühlen auf die notwendige Feinheit dispergiert. Auf dem Altstandort wurden ab ca. 1980 die dazu verwendeten offenen Systeme sukzessive durch geschlossene ersetzt. Im letzten Schritt werden schließlich beim "Komplettieren" die restlichen Komponenten, wie Bindemittel, Lösemittel und Hilfsstoffe zugemischt und damit Farbton, Viskosität und ggf. andere Eigenschaften eingestellt.

Um die Jahrtausendwende wurden auf dem Standort etwa 15.000 t Lacke produziert und dabei rund 4.000 t Lösemittel (Aliphaten, Aromaten, Alkohole, Ester und Ketone), rund 3.000 t Pigmente, 6.000 t Bindemittel und etwa 400 t Zusatzstoffe eingesetzt.

Aus diversen Aufzeichnungen sind folgende außergewöhnliche, potentiell kontaminationsrelevante Ereignisse bekannt:

  • 1964: Explosion auf dem Werksgelände
  • 1977/1978: insgesamt 3 Großbrände (Labor, Nitrowoll-Lager, Produktion)
  • 1987: Großbrand im Nitrowoll-Lager
  • 1988: Kresolaustritt über die Firmenkanalisation in den Wiener Neustädter Kanal
  • 1988: Brand im Leerembalagen-Lager

Untergrundverhältnisse

Im Bereich des Altstandortes wurde eine 0,3 m bis 6 m, im Mittel 2,2 m mächtige Anschüttung aus schluffig-sandigem Kies erkundet, die z. T, mit Ziegelbruch und Holzresten vermischt ist. Die unterhalb der Anschüttung angetroffenen Sande und Schluffe weisen eine Mächtigkeit 0,7 m – 2,7 m auf. Diese Sedimente bilden den Grundwasserleiter, wobei z. T. auch die Anschüttungen grundwasserführend sind. Im Liegenden dieser Abfolge, die bis in eine Tiefe von maximal 5,7 m unter GOK reicht, steht der relative Grundwasserstauer in Form von tertiärem Tegel an.

 

Der Flurabstand des angetroffenen Grundwassers beträgt etwa 0,5 m bis 2,8 m. Der Grundwasserstauer liegt bei ca. 2,0 m bis 5,7 m unter Gelände. Die Grundwassermächtigkeit beträgt zwischen 1,9 m und 5,5 m.

Die Grundwasserströmungsrichtung verläuft im sehr feinkörnigen Porengrundwasserleiter im nördlichen Bereich des Altstandortes von West nach Ost, im südlichen Bereich von SW nach NE. Dies ist mit dem starken Hangwasserzutritt im Südwesten zu erklären (das Objekt 22 im Süden des Standortes liegt um ca. 10 m höher als das restliche Betriebsgelände). Entsprechend den vorliegenden morphologischen Verhältnissen weist auch der Grundwasserstauer ein starkes Gefälle von SW nach NE auf.

Die hydraulische Durchlässigkeit (kf-Wert aus Kurzpumpversuchen) weist große Unterschiede zwischen den einzelnen Messstellen auf und bewegt sich zwischen 2E-06 m/s bis 5E-05 m/s. Das hydraulische Gefälle beträgt rund 0,9 % bis 1,4 %. Bei Annahme einer mittleren hydraulischen Durchlässigkeit von 1E-05 m/s, eines mittleren Gefälles von 1,2 % und einer mittleren Grundwassermächtigkeit von 4 m kann die spezifische hydraulische Fracht im Abstrom des Altstandortes mit rund 0,04 m³ pro Tag und Querschnittsmeter abgeschätzt werden. Bei einer Abstrombreite von rund 300 m lässt sich daraus ein Grundwasserdurchfluss von etwa 10 m³ pro Tag ableiten.

Die Grundwasserneubildung ist aufgrund des hohen Versiegelungsgrades im zentralen Bereich des Altstandortes sehr gering.

Schutzgüter und Nutzungen

Der Altstandort „Stolllack“ befindet sich am Nordwestrand von Guntramsdorf zwischen der Mödlinger Straße und daran anschließend einer Bahntrasse (Lokalbahn Wien-Baden) im Osten und der Wiener Neudorfer Straße (B17) im Westen.

Der gesamte Altstandort wird industriell genutzt und ist großteils bebaut bzw. versiegelt. Größere zusammenhängende Grünflächen befinden sich hauptsächlich im westlichen und südöstlichen Randbereich des Altstandortes sowie im Böschungsbereich nördlich des Objektes 22. Im zentralen Bereich des Altstandortes beträgt der Versiegelungs- bzw. Bebauungsgrad > 90 % der Fläche, die unbefestigten Areale beschränken sich hier auf schmale Grünstreifen, die v. a. die Objekte 9, 16 und 20 umgeben.

Der Bereich nordöstlich des Altstandortes wird jenseits der Mödlinger Straße und der Bahntrasse landwirtschaftlich genutzt, ebenso die im Südwesten an den Altstandort jenseits der B17 heranreichenden Flächen. In diesen beiden Bereichen befinden sich Altablagerungen. Im östlichsten Bereich grenzt der Altstandort direkt an den Wiener Neustädter Kanal. Die übrigen, den Altstandort umgebenden Flächen werden als Wohn- bzw. Gewerbegebiete genutzt.

In der Umgebung des Altstandortes befinden sich vier Altablagerungen, zwei davon in dessen unmittelbarem Nahbereich. Bei den beiden im Grundwasseranstrom des Altstandortes (Westen) gelegenen Altablagerungen handelt es um Schüttungen von Bauschutt und Aushubmaterial. Auf der nördlicheren der beiden wurden in den 1980er-Jahren rund 160.000 m³ Bauschutt und Aushubmaterial und in einem Teilbereich beginnend in den 1960er-Jahren rund 30.000 m³ anorganischer Abfälle wie Bremsbelag-Schleifstaub und Gießereisande abgelagert. Auf der im unmittelbaren Grundwasserabstrom des Altstandortes (Nordosten) gelegenen Altablagerung wurden in den 1980er- und 1990er-Jahren Aushub- und Abraummaterial sowie Asphaltaufbruch und Bauschutt abgelagert. Nach Ablagerungsende wurden die Asphalt- und Bauschuttanteile großteils entfernt und die verbleibende Ablagerung abgedeckt.

Im östlichen Bereich des Altstandortes nahe dem Wiener Neustädter Kanal befindet sich ein betriebseigener Nutzwasserbrunnen („Brunnen Stolllack“), der jedoch nicht mehr in Betrieb ist. Weitere Nutzwasserbrunnen im Grundwasserabstrom des Altstandortes befinden sich rund 70 m östlich (Brunnen BR2; jenseits des Wiener Neustädter Kanals), 500 m nordöstlich (Brunnen BR7 sowie ein weiterer Brunnen im Bereich des Sportplatzes), 600 m südöstlich und 1000 m östlich von diesem. In der näheren Umgebung des Altstandortes befinden sich keine Trinkwasserversorgungsanlagen.

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Auf dem Altstandort „Stolllack“ wurde im Zeitraum von etwa 1850 bis 1910 ein Ziegelwerk und nach dem 1. Weltkrieg ein Werk zur Produktion petroleumbetriebener Heiz- und Kochgeräte betrieben. Im Jahr 1945 wurde das Werk bombardiert und schwer beschädigt.

Seit 1957 bis zum heutigen Tag wurden auf dem Altstandort Lacke produziert („Peter Stoll Lackfabrik Guntramsdorf“, später „Stolllack AG“ sowie im Anschluss daran mehrere lackproduzierende Nachfolgeunternehmen). Auf dem etwa 6 ha großen Betriebsgelände befinden sich zahlreiche Produktionsanlagen und Lagerbereiche für diverse Ausgangs- und Fertigprodukte sowie für Produktionshilfsmittel.

Im Bereich des Altstandortes befindet sich unter einer im Mittel 2,2 m mächtigen Anschüttung aus schluffig-sandigem Kies, ein sandig-schluffiger Porengrundwasserleiter. Z. T. sind auch die Anschüttungen grundwasserführend. In einer Tiefe zwischen 2 m und 5,7 m unter GOK steht der relative Grundwasserstauer in Form von tertiärem Tegel an.

Der Flurabstand des angetroffenen Grundwassers beträgt etwa 0,5 m bis 2,8 m. Die Grundwassermächtigkeit beträgt zwischen 1,9 m und 5,5 m. Die Grundwasserströmungsrichtung verläuft im nördlichen Bereich des Altstandortes von West nach Ost, im südlichen Bereich von SW nach NE. Die hydraulische Durchlässigkeit bewegt sich zwischen 2E-06 m/s bis 5E-05 m/s. Der Grundwasserdurchfluss im Abstrom des Altstandortes kann mit etwa 10 m³ pro Tag abgeschätzt werden.

Im weiteren Grundwasserabstrom des Altstandortes (1 km) befinden sich keine Trinkwassernutzungen. Sowohl im An- als auch im Abstrom des Altstandortes befinden sich Altablagerungen, die hauptsächlich Bauschutt und Aushubmaterialien enthalten.

In den Jahren 2009 bis 2011 wurden auf dem Altstandort 54 Trockenkernbohrungen abgeteuft, und aus diesen 44 Bodenluft-, 28 Grundwasser- und 159 Feststoffproben entnommen und analysiert. Weiters wurden 11 Grundwassermessstellen errichtet und aus diesen sowie weiteren 6 bestehenden Messstellen und Brunnen an vier Terminen Grundwasserproben entnommen und analysiert.

Die Untersuchungen des Untergrundes ergaben für den Großteil des Altstandortes eine vergleichsweise geringe Schadstoffbelastung, hauptsächlich durch Mineralölkohlenwasserstoffe unterschiedlichen Siedebereichs.

In folgenden beiden Bereichen wurden jedoch hohe bis sehr hohe Belastungen nachgewiesen (siehe folgende Abbildung)

  • „Tanklager“: Objekt 13, Tankwagenabfüllplatz und umgebende Bereiche sowie Teile der Objekte 10 und 7
  • „Objekt 12“: südliche Hälfte des Objekts 12 sowie umgebende Bereiche

Diese beiden Bereiche („Hot Spots“) sind durch hohe bis sehr hohe Belastungen des Untergrundes (Feststoff und Bodenluft) in der gesättigten und ungesättigten Zone und des lokalen Grundwassers durch aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe sowie durch Mineralölkohlenwasserstoffe gekennzeichnet.

Im Feststoff waren hohe Belastungen durch niedersiedende Mineralölkohlenwasserstoffe (Kohlenwasserstoff-Index: Überschreitung des Maßnahmenschwellenwert gemäß ÖNORM S 2088-1 von 500 mg/kg maximal um den Faktor 3), hohe bis sehr hohe Belastungen durch aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX: 40 mg/kg bis 1.400 mg/kg; Prüfwert gemäß ÖNORM S 2088-1: 6 mg/kg) und durch chlorierte Kohlenwasserstoffe (Summe CKW: 0,3 mg/kg bis 1,6 mg/kg) festzustellen. Hohe Konzentrationen in der Bodenluft ergaben sich in den beiden Bereichen v. a. hinsichtlich aromatischer Kohlenwasserstoffe (Summe BTEX 100 mg/m³ bzw. 30 mg/m³; Maßnahmenschwellenwert: 10 mg/m³). Bei den aus den Bohrungen entnommenen Grundwasserproben waren sehr hohe Belastungen durch Mineralölkohlenwasserstoffe (Überschreitungen des Maßnahmenschwellenwertes für den Parameter Kohlenwasserstoff-Index um einen Faktor > 10), aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX: > 10.000 µg/l; Maßnahmenschwellwert BTEX: 50 µg/l) und chlorierte Kohlenwasserstoffe (Summe CKW: Bereich „Tanklager“ 180 µg/l; Bereich „Objekt 12“: 1.100 µg/l; Maßnahmenschwellenwert Summe CKW: 30 µg/l) festzustellen.

Die Größe der hoch belasteten Untergrundvolumina in den beiden Bereichen kann grob wie folgt abgeschätzt werden:

  • „Tanklager“: 6.000 m³
  • „Objekt 12“: 5.000 m³

Die weiterführenden Grundwasseruntersuchungen an den neu errichteten und bestehenden Messstellen sowie die durchgeführten Pumpversuche ergaben auch im näheren Umfeld (< 20 m) der beiden hoch belasteten Bereiche eine hohe bis sehr hohe Belastung des Grundwassers mit aromatischen Kohlenwasserstoffen. Der Maßnahmenschwellwert für BTEX von 50 µg/l wurde im Bereich „Tanklager“ zumindest um den Faktor 3 überschritten. Im Bereich des Objekts 12 wurde im Zuge eines Pumpversuchs eine BTEX-Konzentration von über 8.000 µg/l erreicht. Im Bereich „Tanklager“ war zudem eine hohe Belastung durch chlorierte Kohlenwasserstoffe, insbesondere durch Vinylchlorid (bis zu 8 µg/l; Maßnahmenschwellenwert: 0,5 µg/l) festzustellen.

Im Abstrom des Altstandortes zeigten sich mit einer Ausnahme keine Beeinträchtigungen des Grundwassers. Die Ausnahme betrifft eine Abstrommessstelle, an der durchwegs sehr hohe Belastungen durch chlorierte Kohlenwasserstoffe, hauptsächlich durch das Abbauprodukt cis-1,2-Dichlorethen, nachgewiesen werden konnten (Summe CKW zwischen 130 µg/l und 530 µg/l; Maßnahmenschwellenwert: 30 µg/l). Eine grobe Abschätzung der in diesem Bereich (Abstrombreite: 50 m) im Grundwasser transportierten Menge an chlorierten Kohlenwasserstoffen ergibt aufgrund des geringen Grundwasserdargebots eine vergleichsweise geringe Fracht von maximal 1 g pro Tag. Diese Fracht liegt deutlich unter der als erheblich zu bezeichnenden Fracht von 15 g pro Tag, die sich aus einer in Höhe des Maßnahmenschwellenwertes (30 µg/l) belasteten hydraulischen Fracht von 500 m³ pro Tag ergibt. Welcher der beiden „Hot Spots“ als Quelle für die Grundwasserbelastung in diesem Bereich fungiert, kann aufgrund der bestehenden Unsicherheit hinsichtlich der Grundwasserfließrichtung in diesem Bereich, nicht endgültig geklärt werden.

Die in einem 500 m im Grundwasserabstrom gelegenen Brunnen detektierten erhöhten Konzentrationen an Trichlorethen sind nicht auf den Altstandort zurückzuführen, eine mögliche Quelle dafür ist derzeit nicht bekannt. Die bereits im Anstrom z. T. erhöhten Werte des Parameters Kohlenwasserstoff-Index können ebenfalls keiner bekannten Quelle zugeordnet werden. In einigen Messstellen wurden stark erhöhte Konzentrationen an Alkalimetallen, Erdalkalimetallen, Chlorid und Sulfat nachgewiesen, die einerseits auf die Salzstreuung der Straßen im Winter (Natrium und Chlorid) und andererseits möglicherweise auf die Bauschuttablagerungen im Grundwasseranstrom (Erdalkalimetalle und Sulfat) zurückzuführen sind. Die an vielen Messstellen beobachteten hohen Ammoniumgehalte sind Ausdruck der reduzierenden Bedingungen, die im Bereich des Altstandortes fast flächendeckend im Grundwasser anzutreffen waren.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auf dem Altstandort aufgeteilt auf zwei „Hot Spots“ eine erhebliche Kontamination des ungesättigten und gesättigten Untergrundes mit aromatischen und chlorierten Kohlenwasserstoffen gegeben ist. Ausgehend von diesen Kontaminationen ist auch das Grundwasser in der unmittelbaren Umgebung der „Hot Spots“ (< 20 m) stark durch diese beiden Schadstoffgruppen belastet. Eine weitergehende Schadstoffausbreitung aromatischer Kohlenwasserstoffe konnte nicht festgestellt werden. Hinsichtlich chlorierter Kohlenwasserstoffe konnte z. T. eine Schadstoffausbreitung bis in den Abstrom des Altstandortes (< 100 m) nachgewiesen werden. Aufgrund des sehr gering ergiebigen Grundwasserleiters sind die transportierten Schadstofffrachten aber als gering einzustufen. Aufgrund der im Untergrund vorhandenen Schadstoffmengen und der Eigenschaften der Schadstoffe sowie aufgrund der Grundwasserverhältnisse kann davon ausgegangen werden, dass sich langfristig sowohl die Schadstofffrachten im Grundwasser als auch die weitere Ausbreitung der Schadstoffe betreffend keine wesentlichen Veränderungen ergeben werden. Der Altstandort stellt eine erhebliche Gefahr für die Umwelt dar.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist das Grundwasser. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden:

Schadstoffpotenzial: sehr hoch

Auf dem Altstandort werden seit den 1950er-Jahren Lacke produziert und dabei unterschiedlichste organische Lösungsmittel eingesetzt bzw. gelagert. Im Bereich des Altstandortes ist in zwei Bereichen ("Hot Spots") die ungesättigte und gesättigte Untergrundzone erheblich durch aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe kontaminiert. Die erheblich kontaminierten Untergrundvolumina können mit 6.000 m³ ("Bereich Tanklager") bzw. 5.000 m³ ("Bereich Objekt 12") abgeschätzt werden. Aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe weisen aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften allgemein ein hohes Gefährdungspotential für das Grundwasser auf. Die auf dem Altstandort "Stolllack" für die erhebliche Kontamination des Untergrundes unter anderen maßgeblichen Substanzen Benzol und Vinylchlorid besitzen ein sehr hohes Gefährdungspotential für das Grundwasser. Unter Berücksichtigung der Art der nachgewiesenen Schadstoffe und der im Untergrund vorhandenen Schadstoffmengen ergibt sich insgesamt ein sehr hohes Schadstoffpotenzial.

Ausbreitung der Schadstoffe: lokal

Ausgehend von der erheblichen Kontamination des Untergrundes ist eine Ausbreitung der Schadstoffe im Grundwasser festzustellen. Die Ausbreitung aromatischer Kohlenwasserstoffe ist jedoch auf die unmittelbare Umgebung der Hot Spots (< 20 m) und jene der chlorierten Kohlenwasserstoffe auf den nahen Grundwasserabstrom des Altstandortes (< 100 m) beschränkt. Die im Grundwasser transportierten Schadstofffrachten sind aufgrund des gering ergiebigen Grundwassers als gering einzustufen. Entsprechend diesen Grundwasserverhältnissen ist auch langfristig mit keiner wesentlichen weitergehenden Ausbreitung der Schadstoffe im Grundwasser zu rechnen.

Bedeutung des Schutzgutes: nutzbar

Das Grundwasser im Bereich des Altstandortes ist gering ergiebig. Trotz dieser geringen Ergiebigkeit werden im weiteren Grundwasserabstrom des Altstandortes einige Brunnen für Bewässerungszwecke betrieben. Diese Brunnen sind jedoch von der Grundwasserverunreinigung, die vom Altstandort ausgeht, nicht betroffen. Ihre Nutzung unterliegt diesbezüglich keinen Einschränkungen. Im näheren Grundwasserabstrom des Altstandortes sind keine Grundwassernutzungen vorhanden und sind auch aufgrund der wasserwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zukünftig nicht zu erwarten.

Vorschlag Prioritätenklasse: 3

Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der voranstehenden Gefährdungsabschätzung und den im Altlastensanierungsgesetz § 14 festgelegten Kriterien schlägt das Umweltbundesamt die Einstufung in die Prioritätenklasse 3 vor.

 

Datum der Texterstellung:    Mai 2012