Altlast ST22: Ventrex

Beim Altstandort „Ventrex“ handelt es sich um einen metallverarbeitenden Betrieb, der sich seit Mitte der 50er Jahre am Standort befindet. Durch die Verwendung von Tetrachlorethen kam es zu einer massiven Verunreinigung des Untergrundes auf einer Fläche von ca. 1.000 m².

Es findet ein erheblicher Schadstoffeintrag in das Grundwasser statt. Es wurde eine Ausbreitung von Tetrachlorethen im Grundwasser bis in eine Entfernung von über 100 m festgestellt. Der Altstandort stellt eine erhebliche Gefahr für die Umwelt dar. Es wird die Einstufung in die Prioritätenklasse 2 vorgeschlagen.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Graz (Stadt),
Graz,
Jakomini,
2236/4, 2241/2, 2241/17, 2241/23
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: Metallwarenerzeugung
Ergebnis Beurteilung: erhebliche Kontamination
Fläche Altlast (m²): 15.000 m²
Schadstoff(e) Organische Lösungsmittel (leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 15.09.2007
Datum der Prioritätenfestlegung: 15.09.2007
Priorität: 2
Datum Aktualisierung Altlastenatlas: 15.09.2007

BESCHREIBUNG DES ALTSTANDORTES

Der Altstandort „Ventrex“ liegt im südlichen Teil des Stadtgebietes von Graz und wird im Norden von der Evangelimanngasse, im Osten von der Münzgrabenstraße und im Westen von der Johann-Sebastian-Bach-Gasse begrenzt.

Beim Altstandort handelt es sich um einen metallverarbeitenden Betrieb, der sich etwa seit Mitte der 50er Jahre auf dem Betriebsgelände befindet. Es werden Ventil- und Metallteile für Luftreifen und Industrieanwendungen sowie Metallteile in Groß- und Kleinserien aus verschiedenen Stählen hergestellt. Die Fläche des Altstandortes kann mit etwa 15.000 m² angegeben werden.

Seit Betriebsbeginn wurden immer wieder Hallen neu errichtet und Anlagen in Betrieb genommen bzw. umgestellt.

Im Jahr 1955 wurde die Halle I errichtet. Der westliche Teil der Halle wurde als Büro genutzt, der restliche Bereich der Halle stellte den Produktionsbereich dar. An der südlichen Seite der Halle I befand sich eine Beizanlage sowie eine Klärgrube. Südlich der Halle 1 befanden sich noch Abstellräume und Lagerplätze.

Südlich der Halle I wurde im Jahr 1962 die Halle II errichtet. Der südwestliche Teil der Halle II ist unterkellert. Im Keller befindet sich eine Heizungsanlage mit einem Plattentank (36.000 l). Im Jahr 1965 wurde im Keller auch ein Werksbrunnen errichtet (Brunnen alt, Ausbautiefe ca. 3 m unter Kellerniveau). Der nicht unterkellerte Teil der Halle II wurde als Produktionsbereich genutzt.

Im Jahr 1984 wurde in der Halle I im Bereich der Beizanlage eine Entfettungsanlage (Perchlor-Teilewaschanlage) eingebaut. Das Tetrachlorethen wurde in Fässern geliefert und östlich der Halle I gelagert. Die Beheizung der Anlage erfolgte mit „Heizöl leicht“. Die Lagerung des Öls erfolgte in einem eigenen Öllagerraum mit öldichter Wanne in der ein Stahlblechbehälter (1.500 l) aufgestellt war. Das Öllager befand sich im Bereich des Tetrachlorethenlagers. Im Jahr 1994 wurde die Entfettungsanlage stillgelegt und eine neue Entfettungsanlage im zentralen Bereich der Halle II errichtet.

Im südlichen Bereich des Altstandortes besteht die Halle Süd. Diese Halle wurde als Lagerhalle konzipiert. Seit Beginn der 90er Jahre befindet sich in der Halle Süd ein Raum für den Sondermaschinenbau.

Ende der 90er Jahre wurde zwischen den Hallen I und II die Halle VI errichtet. Südlich unmittelbar an die Halle II anschließend wurde die Halle III, als Produktionshalle angebaut. Die östlich der Hallen I und II gelegenen Lagerflächen wurden zu den Hallen IV und V zusammengefasst und ausgebaut.

Im Bereich des Altstandortes wurden unter anderem Tetrachlorethen, Öle, Nickelchlorid, diverse Säuren, Gleitschleifmittel, etc. eingesetzt. Angaben über die Menge der eingesetzten Stoffe konnten nicht erhoben werden.

Es ist bekannt, dass alle anfallenden Wässer am Areal versickert wurden. Die beim Entfettungsbad, zur Reinigung von Metallteilen anfallenden Wässer sowie die im Zuge der Beizvorgänge benötigten Wässer wurden in ein Sammelbecken zum Absetzen der Feststoffe geleitet. Die mechanisch geklärten Wässer wurden über eine Sickergrube in den Untergrund eingebracht. Die Lage des Sammelbeckens und die Lage der Sickergrube konnten nicht erhoben werden.

Beschreibung der Untergrundverhältnisse

Der Altstandort liegt im Grazer Becken auf etwa 342 m ü.A. Im Bereich des Altstandortes können bis zu etwa 1,5 m mächtige Anschüttungen in Form von Aushubmaterial und Ziegelresten vorhanden sein. Der Untergrund wird bis zu einer Tiefe von durchschnittlich 17 m aus sandigen Kiesen mit teilweise schluffigen und teilweise steinigen Komponenten aufgebaut. Lokal können bis zu 0,5 m mächtige Feinsandlagen auftreten. Die sandigen Kiese stellen den Grundwasserleiter dar. Darunter folgen feinsandige, tonige Schluffe, die als Grundwasserstauer angesprochen werden können.

Der Grundwasserspiegel liegt auf etwa 336 bis 336,5 m ü.A. Der Flurabstand beträgt somit etwa 5,5 m bis 6,5 m. Während der Grundwasseruntersuchungen wurden Grundwasserspiegelschwankungen von etwa 1 m festgestellt. Das Grundwasser ist etwa 10,5 bis 11 m mächtig. Der Grundwasserleiter ist durchschnittlich 17 m mächtig. Die Durchlässigkeit des Grundwasserleiters beträgt rund 10-3 m/s. Die Grundwasserströmung ist generell nach Südwesten gerichtet. Das Gefälle kann durchschnittlich mit etwa 2 ‰ angegeben werden. Der spezifische Durchfluss (1 m Abstrombreite) ergibt sich mit rund 2 m³/d. Der Durchfluss über die gesamte Abstrombreite des Altstandortes (etwa 90 m) kann mit rund 2 l/s bzw. 160 m³/d abgeschätzt werden.

Beschreibung der Nutzung und der Schutzgüter

Nördlich und östlich des Altstandortes stehen Wohnhäuser. Südlich und westlich bestehen gewerbliche Betriebe. An der östlichen Grundstücksgrenze steigt das Gelände steil in Richtung Münzgrabenstraße an. Die Münzgrabenstraße liegt bereits ca. 6 m über dem Betriebsgelände. Der Großteil des Altstandortes ist verbaut bzw. asphaltiert. Der Bereich südlich der Halle Süd ist geschottert.

Am Gelände des Altstandortes gibt es 2 Brunnen. Ein Brunnen wurde im Jahr 2004 zur Versorgung des Betriebes mit Nutzwasser errichtet und befindet sich im nordwestlichen Teil des Altstandortes (Brunnen neu). Für den Brunnen wurde eine Konsensmenge von 180 m³/d bzw. eine Maximalentnahme von 5 l/s beantragt. Die Entnahme erfolgt unregelmäßig, in Abhängigkeit der Produktionserfordernisse.  Im Keller der Halle II befindet sich ein weiterer Brunnen (Brunnen alt), der im Jahr 1965 errichtet wurde und nur mehr zur Reserve dient bzw. keiner ständigen Nutzung unterliegt. Im Abstrom des Altstandortes sind keine Grundwassernutzungen bekannt.

Das Dachwasser und das nicht kontaminierte Wasser aus den Kühlströmen werden am Altstandort versickert (ca. 30 bis 50 m³/d).

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Der Altstandort „Ventrex“ befindet sich im südlichen Stadtgebiet von Graz. Seit 1955 werden auf dem Standort Metallteile hergestellt. Zu Entfettung von Metallteilen werden leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe verwendet. Der Altstandort weist eine Fläche von ca. 15.000 m² auf.

Bei orientierenden Bodenluftuntersuchungen in den Jahren 1984 und 1998 wurden zum Teil massive Belastungen durch leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe in der wasserungesättigten Bodenzone festgestellt, wobei der maßgebliche Parameter Tetrachlorethen ist. Im Jahr 1984 wurden die stärksten Belastungen mit bis zu etwa 1.630 mg/m³ im Bereich der alten Entfettungsanlage und im Bereich des Tetrachlorethenlagers nachgewiesen. Im Jahr 1998 wurden nördlich der neuen Entfettungsanlage die stärksten Belastungen mit etwa 2.500 mg/m³ Tetrachlorethen festgestellt. Untersuchungen von Produktionsabwässern, die am Altstandort versickert wurden zeigen, dass diese zumindest zeitweise durch Tetrachlorethen verunreinigt waren.

Die Bodenluftuntersuchungen im Jahr 2004 bestätigen, dass der wasserungesättigte Untergrundbereich im Bereich der Standorte der Entfettungsanlage mit Tetrachlorethen stark verunreinigt ist. Inbesonders bei den Bodenluftabsaugversuchen wurden sehr hohe Tetrachlorethenkonzentrationen in der Bodenluft gemessen. Die höchsten Konzentrationen mit über 2.800 mg/m³ wurden im Bereich der alten Entfettungsanlage gemessen. Während des Absaugversuches konnte hier eine anhaltende Schadstoffnachlieferung festgestellt werden. Im Bereich des Lösungsmittellagers wurden 2004 vergleichsweise geringe Belastungen in der Bodenluft festgestellt. Insgesamt ergeben die aktuellen Bodenluftuntersuchungen, dass im Umfeld der Entfettungsanlagen auf einer Fläche von ca. 1.000 m² der wasserungesättigte Untergrund erheblich mit Tetrachlorethen verunreinigt ist.

Bei den Untersuchungen von Feststoffproben aus dem Untergrund wurden lokal starke Belastungen durch Summe Kohlenwasserstoffe sowie durch Naphthalin und Kupfer festgestellt. Bei den belasteten Proben handelt es sich großteils um oberflächennah entnommene Proben im Bereich der Produktionshallen. Für die Kohlenwasserstoffe konnten generell keine erhöhten wasserlöslichen Gehalte gemessen werden.

Ausgehend von den Verunreinigungen im Bereich der Standorte der Entfettungsanlage hat sich Tetrachlorethen im Grundwasser ausgebreitet. In sämtlichen Abstromsonden bzw. Brunnen wurden zeitweise erhöhte Tetrachlorethenkonzentrationen gemessen. Die starken Schwankungen der Tetrachlorethenkonzentrationen im Grundwasser können möglicherweise durch die Versickerung von Niederschlagswässern und nicht verunreinigten Produktionsabwässern verursacht werden. Bei der Untersuchung von Grundwasserschöpfproben aus den Bodenluftmessstellen im Bereich der Standorte der Entfettungsanlage wurden sehr hohe Tetrachlorethenkonzentrationen festgestellt (max. 1.220 µg/l). Daraus lässt sich ableiten, dass es in diesem Bereich noch immer zu einem massiven Eintrag von Tetrachlorethen in das Grundwasser kommt.

Bei 24-stündigen Pumpversuchen wurden in den beiden Grundwassermessstellen, die sich im Abstrom der alten und neuen Entfettungsanlage befinden, hohe Tetrachlorethenkonzentrationen gemessen (max. 174 µg/l bzw. 76 µg/l). Die mit dem Grundwasser im unmittelbaren Abstrom des Altstandortes (Schadstofffahnenbreite ca. 50 m) durchschnittlich transportierte Fracht an Tetrachlorethen kann mit rund 10 g/d abgeschätzt werden und ist als erheblich zu bewerten.

Im Bereich der neuen Entfettungsanlage bzw. im Bereich der Späneaufbereitung wurden in Schöpfproben aus dem Grundwasser stark erhöhte Kohlenwasserstoffkonzentrationen gemessen. Im Grundwasserabstrombereich  konnten keine Kohlenwasserstoffe nachgewiesen werden, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass es sich um lokale, relativ immobile Mineralölverunreinigungen handelt.

Zusammenfassend zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass im Bereich der Standorte der Entfettungsanlage eine starke Verunreinigung des Untergrundes durch Tetrachlorethen vorhanden ist. Im Grundwasser wurde die Ausbreitung von Tetachlorethen ausgehend vom Kontaminationszentrum bis in eine Entfernung von rund 125 m nachgewiesen. Es ist davon auszugehen, dass aktuell ein erheblicher Schadstoffeintrag in das Grundwasser stattfindet. Der Altstandort „Ventrex“ stellt daher eine erhebliche Gefahr für das Grundwasser dar.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist das Grundwasser. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden:

Schadstoffpotenzial: hoch

Am Altstandort „Ventrex“ ist der Untergrund auf einer Fläche von ca. 1.000 m² durch leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe verunreinigt. Das Volumen des verunreinig-ten Untergrundbereiches kann mit mindestens 5.000 m³ grob abgeschätzt werden. Der verunreinigte Bereich weist vergleichsweise eine mittlere Größe auf. Der Hauptschadstoff Tetrachlorethen weist aufgrund seiner stofflichen Eigenschaften ein sehr hohes Gefährdungspotenzial auf. Das Schadstoffpotenzial ist insgesamt als hoch zu bewerten.

Schadstoffausbreitung: begrenzt

Im Grundwasser wurde bis in eine Entfernung von etwa 125 m zeitweise eine Beeinflussung durch Tetrachlorethen über die gesamte Mächtigkeit des Grundwassers festgestellt. Die Tetrachlorethenfracht im Grundwasser ist als erheblich zu bewerten. Es ist auch weiterhin mit einem erheblichen Schadstoffeintrag in das Grundwasser zu rechnen. Die Schadstoffausbreitung ist insgesamt als begrenzt zu bewerten.

Schutzgut: gut nutzbar

Der betroffene Grundwasserkörper ist quantitativ gut nutzbar. Im unmittelbaren Abstrom des Altstandortes sind keine Grundwassernutzungen bekannt. Erst in einer Entfernung von über 1000 m sind Brunnen vorhanden. Aufgrund der Lage im Stadtgebiet von Graz ist auch in Zukunft mit keiner hochwertigen Grundwassernutzung im Grundwasserabstrom zu rechnen.

Prioritätenklasse

Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der Gefährdungsabschätzung und den im Altlastensanierungsgesetz § 14 festgelegten Kriterien schlägt das Umweltbundesamt die Einstufung des Altstandortes „Ventrex“ in die Prioritätenklasse 2 vor.

 

Datum der Texterstellung: Dezember 2006